Was ist das Drittschönste in ihrem Leben? Denken sie nach und lassen sie es setzen.
Gut und jetzt stellen sie sich vor, man nimmt ihnen das einfach weg.
So geht es einem Alkoholiker bzw. einer Alkoholikerin, der bzw. die nicht mehr trinken darf und oft ist hier der Alkohol sogar das Schönste!
Verena Titze erzählt offen von ihrer Alkoholsucht und ihrer Geschichte, die sie letztlich auf die Bühne gebracht hat. „Burnt.Out“, so heißt das Buch aus dem sie an diesem Abend ein wenig vorlas. An ihrer Seite Univ. Prof. Dr.med. Michael Musalek, man kennt ihn vielleicht noch als den ehemaligen Vorstand der Alkoholentzugsstation Anton-Proksch Institut Wien, wo er das Orpheus Programm mit entwickelt hat. Die Wege der beiden kreuzten sich 2022, als Verena Titze Professor Musalek zu einer Buchpräsentation einladen wollte, aus der Begegnung entstand ein Podcast „Musalek & Titze, Im Rausch des Lebens“ mit mittlerweile vielen, vielen Folgen.
Der Podcast hat sich vor allem als Ziel gesetzt Alkoholsucht früher zu erkennen, früher Hilfe aufzusuchen und anzunehmen und vor allem die Stigmatisierung des Alkoholismus zu bekämpfen.

Die Geschichte von Verena Titze
Verena erzählt offen ihre Geschichte von der erfolgreichen, hippen Journalistin und PR-Managerin, die viel gearbeitet hat, 60-80h in der Woche und vor allem am Wochenende viel getrunken hat. „Unter der Woche waren es meist nur 2-3 Gläser Wein, am Wochenende war es unglaublich viel. Blackouts waren keine Seltenheit, ich habe Menschen gesucht, die mit mir trinken, meine Hobbies waren nur noch mit Trinken verbunden, zum Beispiel „day drinking“ am Naschmarkt. Irgendwann bin ich aufgewacht und wusste wieder mal nicht, wo ich war und wie ich hierher gekommen bin. Aber egal, ich wollte einfach nur weiter funktionieren, doch es ging nicht mehr.“ Die Diagnose traf Verena Titze wie aus dem Nichts: Burnout und Alkoholsucht!
„Eine Sucht kommt nie allein“, erzählt Prof. Musalek, sie ist immer gebettet in eine mentale Instabilität wie Selbstwertproblemen, Verlust der Selbstliebe oder einer manifesten Diagnose wie Burnout oder Depression. „Wir alle leben im Prinzip auf einem Kontinuum vom kompensierten Alkoholgebrauch bis hin zur Sucht.“
Man unterscheidet Quartalstrinker, die eher exzessiv bis hin zum Blackout trinken, dazwischen oft auch nichts und Spiegeltrinker, die meist schon in der Früh und dann stetig weiter trinken und eigentlich nie betrunken wirken bzw. sind. Spiegeltrinker werden in der Regel erst viel später auffällig, Quartalstrinker fallen früher auf.
Verena war eine Quartalstrinkerin, wobei der Ausdruck Quartal nicht passend ist, meint sie selbst, Wochenendtrinkerin wäre realistischer. „Alkohol hat mir Selbstbewusstsein geschenkt. Ich hatte Angst. Wenn ich aufhöre zu trinken, verliere ich diese Verena, die in der Bar am Tisch tanzt.“

Alkohol macht lustig – oder doch nicht?
Alkohol wirkt in niedriger Dosis euphorisierend, das kennen vermutlich viele, in höherer Dosis wirkt er jedoch despressionsfördernd, dies ist oft ein erschwerender Teufelskreis.
Wenn eine Alkoholsucht besteht, kommt einerseits die Scham hinzu und aber auch das nicht wahrhaben oder nicht hinsehen wollen. Wenn man das Problem vielleicht doch erkannt hat, dauert es dennoch oft Jahre bis Hilfe in Anspruch genommen wird. „Es braucht 8 Jahre von der manifesten Suchterkrankung bis zur Behandlung“, erklärt Prof. Musalek. „Die Behandlung muss nicht zwingend stationär sein, auch eine ambulante Behandlung ist möglich, dies kann individuell abgewogen werden. Manchmal braucht es jedoch das Herausnehmen aus dem Spannungsfeld.“
Verena Titze erzählt, dass sie ebenfalls lange gebraucht hat, bis sie in die Klinik ging und dann wiederum hat sie sich lange nicht getraut zu sagen, was für eine Klinik das war, wo sie nun 3 Monate stationär sein wird.
„Das Problem ist, das Alkohol immer noch verniedlicht und verharmlost wird“, betont Prof. Musalek, „In Österreich sind 370.000 Menschen manifest alkoholkrank, das sind 5% der Bevölkerung, wobei es ein Ost-Westgefälle gibt, in den westlichen Bundesländern sind es etwas weniger.“
Wann spricht man von einer Alkoholsucht?
Es gibt 6 Merkmale, wenn 3 davon zutreffen, ist man alkoholkrank, bei 1-2 ist man am Weg dahin:
- Kontrollverlust über Beginn, Menge und Ende des Konsums
- Toleranzentwicklung – man „vertragt“ mehr, dies liegt an der Blut-Hirn-Schranke, die ab einer gewissen Dosis sich verschließt, um das Gehirn vor der toxischen Substanz Alkohol zu schützen
- Leben ist auf Alkohol-Einnahme zentriert, Vernachlässigung anderer Interessen zu Gunsten des Konsums
- Fortgesetzter Konsum trotz schädlicher Folgen – man trinkt, obwohl man weiß, dass es einem schadet
- Entzugserscheinungen – vor allem beim Spiegeltrinker
- Craving – starkes Verlangen nach dem Suchtmittel
„Ich erinnere mich gut an mein Craving“, erzählt Verena Titze „Ich bin zu Boden gesunken und war verzweifelt, ich hatte so eine Gier nach einem Glas Wein, das ich es kaum ausgehalten habe! Ich hatte es 1 Jahr, aber es ging vorbei und die schönen Momente wurden mehr. Ich konnte die Klarheit genießen, den guten Schlaf und ich habe mich immer mehr mit der Natur verbunden gefühlt. Es ist sehr wichtig, dass man neue Dinge findet, die einem gut tun, etwas, das Glück bringt. Man darf auch nicht darauf warten, dass das jemand für einen erledigt, nein, man muss es selbst tun. Ich muss mich selbst darum kümmern, was mir Glück bringt. Man darf wieder selbst wirksam werden.“
Das Orpheus-Programm
Das Orpheus Programm setzt genau dort an, beim Glück.
Viele kennen Odysseus, der sich an den Masten angebunden hat, um bei den Sirenen mit Kampf, Zwang und Selbstgeißelung vorbeizukommen, aber die wenigsten kennen Orpheus. Er hat die Sirenen mit noch schönerer Musik übertönt und kam so entspannt ohne Selbstgeißelung an den Sirenen vorbei. Alkohol kann von der Wertigkeit nicht oder nur schwer downgegraded werden, aber wir können anderes upgraden und somit den Alkohol nach unten verschieben, vielleicht auf Platz 25.
Das Orpheusprogramm ist Teil der Therapie des Anton Proksch Instituts und soll durch unterschiedlichste Module zur Neu- und Wiederentdeckung der eigenen Lebenskräfte beitragen. Wo das Leben wieder schön, lust- und sinnvoll wird, haben Suchtmittel keine Verführungskraft.
Die verschiedenen Orpheusmodule sind:
- Naturerlebnismodule
- Achtsamkeitsmodule
- Körpererlebnismodule
- Kinotherapie
- Kreativität- und Lebensgestaltungsmodule
- Musik und Chor
- Philosophikum
- Wandern und Kultur
Wie sollen Angehörige von Alkoholsuchtkranken reagieren und wieviel Alkohol ist noch ok?

Am Ende des sehr spannenden Vortrages kamen auch vom Publikum noch Fragen. Jemand erzählt von dem alkoholkranken Vater, der immer sagte, er habe kein Problem und irgendwann hat er es doch akzeptiert. „Wir Angehörigen haben uns so machtlos gefühlt! Wie soll man da reagieren, wie sich verhalten?“
„Es ist wichtig“ betont Prof Musalek, „dass die Suchtkranken von der Familie oder dem sozialen Umfeld nicht fallen gelassen werden. Menschen nicht fallen lassen ist schon ein sehr wichtiger Beitrag und man braucht Geduld, viel Geduld, bis die Sucht erkannt wird und die Diagnose von den Patienten angenommen wird. Sie haben also alles richtig gemacht.“
Auf die Frage, wieviel Alkohol wäre denn noch okay, wenn man keine Alkoholsucht hat, antwortet Prof. Musalek: „Man sollte auf 3-4 alkoholfreie Tage in der Woche achten und an den Tagen, wo man trinkt, sollte man dennoch die Dosis beachten und nicht übermäßig trinken. Alkohol ist und bleibt eine toxische Substanz. Für Menschen, die eine Alkoholsucht haben, ist der point of no return überschritten, hier gibt es nur die Abstinenz.“
Die Offenheit von Verena Titze und das Wissen und die Erfahrung von Prof. Musalek machen die beiden sehr authentisch, man bekommt richtig Lust in den Podcast reinzuhören:
Bis zum nächsten Mal,
Dr. Johanna Sohm












