Krisensituationen und deren psychologische Gesetze

Was macht eigentlich ein Kriminalpsychologe?

Mit dieser scheinbar einfachen Frage eröffnet Thomas Müller seinen Vortrag und schon nach wenigen Minuten wird deutlich: Hier spricht keiner, der Theorien aus Lehrbüchern referiert. Müller ist österreichischer Kriminalpsychologe, Fallanalytiker und Buchautor. Seit über 40 Jahren arbeitet er im Strafrecht, analysiert Serienmörder und deren Persönlichkeitsstrukturen, war psychologischer Einsatzleiter in Katastrophengebieten und berät zu Wirtschafts- und Arbeitsplatzkriminalität.

Er kennt Abgründe nicht aus Akten, sondern aus Begegnungen. Doch an diesem Abend geht es nicht um spektakuläre Fälle. Es geht um etwas, das uns alle betrifft: Krisensituationen und die psychologischen Gesetze, die in ihnen wirken.

(c) Patricia Ritt

Alles hat drei Seiten“ – Thomas Müller

Was ich sehe.
Was du siehst.
Und was wir beide nicht sehen.

Ein einfacher Satz – und doch einer, der lange nachhallt.

Wir glauben, die Welt objektiv wahrzunehmen. Doch in Wahrheit interpretieren wir ständig. Wir filtern Informationen, ergänzen Lücken, verzerren Eindrücke. Laut Müller flunkert jeder Mensch zwischen fünf und zwanzig Mal am Tag. Wir „veredeln“ die Realität, machen Erlebnisse ein wenig schöner, Erfolge ein wenig größer, Schwächen ein wenig kleiner.

Das ist zutiefst menschlich. Doch es gibt einen Moment, in dem der Mensch nicht lügt.

Nicht im Kerzenlicht eines romantischen Dinners.
Nicht im geschützten Raum bei leiser Musik.
Sondern um drei Uhr morgens auf der Autobahn, wenn das Benzin ausgeht.

In der Krise zeigt sich der Charakter.

Unsere Persönlichkeit dringt aus allen Poren“ – Sigmund Freud

Es ist kein Zufall, welche Schuhe wir tragen. Kein Zufall, wie wir unser Auto einparken. Verhalten ist Ausdruck von Haltung, von innerer Struktur, von Persönlichkeit. In der Kriminalpsychologie werden genau solche Details beobachtet, gesammelt, verglichen. Psychologie ist kein Metermaß, sagt Müller. Sie lebt vom Vergleich. Je mehr Fälle man kennt, desto klarer treten Muster hervor. Und er kennt viele Fälle. Er hat mit Reichen und Armen gearbeitet, mit Jungen und Alten, mit konstruktiven und destruktiven Persönlichkeiten. Menschen in Machtpositionen, Menschen am Abgrund.

Krisen sind wie Brenngläser. Sie verstärken alles. Manche Menschen zerbrechen daran.
Andere wachsen über sich hinaus. Warum?

Wir leben in einer Zeit voller Widersprüche.

Wir haben genug Nahrung – und dennoch verhungern Töchter und Söhne vor gedeckten Tischen, gefangen in Essstörungen. Wir genießen grenzenlose Freiheit und beobachten gleichzeitig, wie Süchte exponentiell steigen und in freiwillige Unfreiheit führen. Wir haben Entertainment rund um die Uhr, und dennoch zählt Depression zu den häufigsten Erkrankungen weltweit. Laut Prognosen der Weltgesundheitsorganisation könnte sie bis 2028 die zweithäufigste Erkrankung werden.

Die spannende Frage lautet nicht: Was passiert wann? Sondern: Warum?

Marie Curie: „Wir müssen nichts fürchten, nur verstehen. Wenn wir verstehen, müssen wir auch nichts fürchten.“

Müllers psychologische Antwort auf die Frage nach dem Anstieg psychischer Erkrankungen ist klar und unbequem zugleich: Wir vermeiden das Unangenehme. Wir umgehen Konflikte, drücken uns vor schwierigen Gesprächen, fliehen vor Schmerz. Doch genau diese schwierigen Momente sind es, die uns reifen lassen. Die Untiefen, die wir nicht umschiffen, sondern durchqueren, machen uns stärker, flexibler, weiser.

Müllers klare Botschaft: Gehen Sie nie mehr schwierigen Situationen aus dem Weg!

Die dunkelsten Stunden von Thomas Müller

Müller spricht von seinen eigenen dunkelsten Einsätzen. Als Polizist musste er einer Mutter sagen, dass ihr vierjähriges Kind überfahren wurde. Einem Vater, dass seine 17-jährige Tochter sich den goldenen Schuss gesetzt hat. Er war psychologischer Einsatzleiter bei einer Jahrhundertlawine in einem Tiroler Bergdorf mit 33 Toten. Er stand in Indonesien nach dem Tsunami am Strand zwischen tausenden Leichen.

Was sagt man in solchen Momenten?
Es gibt keine perfekten Worte. Nur Präsenz. Nur Echtheit.

Er erinnert an Viktor Frankl:
„Mitternacht ist die finsterste Stunde des Tages – aber auch der Beginn eines neuen.“

(c) Patricia Ritt

Der Tisch der Resilienz

Müller serviert seinem Publikum ein Bild: den „Tisch der Resilienz“. Resilienz, um nicht in Krisen zu stürzen oder in herausfordernden Situationen Wege und Lösungen zu sehen. Ein stabiler Tisch steht auf vier Säulen, diese 4 Säulen bekommt das Publikum an diesem Abend geschenkt und nun auch sie.

1. Säule: Bereitschaft zur Weiterentwicklung

Schauen Sie über den Tellerrand. Gehen Sie eigene Wege. Seien Sie anders.

Müller erinnert an Martin Luther King. Hätte er beim ersten Gegenwind aufgegeben, hätte es dann seinen „Dream“ gegeben? Oder an Mutter Teresa – wäre sie zu der prägenden Persönlichkeit geworden, wenn sie nur krankenversicherte Personen behandelt hätte? Und im Sport? Bei den Olympische Sommerspiele 1968 revolutionierte Dick Fosbury die Sprungtechnik beim Hochsprung. Der „Fosbury Flop“ wirkte zunächst wie ein Fehler – ein Flop. Doch er sprang 77 Zentimeter höher. Heute springen alle so.

Manchmal braucht es einen Flop, um zu wachsen.

2. Säule: Perspektivenwechsel

Mit den Augen eines anderen auf eine Situation schauen. Machen sie einen Perspektivenwechsel, schauen sie mit den Augen ihres Gegenübers auf eine Situation, auf einen Konflikt, auf eine Handlung. Unser größter Feind ist oft unser eigenes Ego. Wir wollen keine Fehler zugeben, wollen im Recht sein, nehmen uns zu wichtig. Doch dabei haben wir alle eine 100%ige Mortalität. Wenn Sie sich das nächste Mal über einen verspäteten Zug, eine ausverkaufte Tageszeitung oder eine misslungene Prüfung ärgern, dann blicken sie über ihren Tellerrand, denken Sie an Menschen mit schweren Schicksalen.

Ein Perspektivenwechsel relativiert, befreit und erweitert.

3. Säule: Kenntnis über die Verteilung ihres Selbstwertgefühls

Unser Selbstwert speist sich aus drei Quellen:

  • Berufliche Tätigkeit – Wie sehr erfüllt mich meine Arbeit?
  • Interaktion mit anderen Menschen außerhalb des Berufs – Freundschaften, Familie, Nachbarn.
  • Entscheidungen, die ich ausschließlich für mich selbst treffe – auf die eigenen Bedürfnisse achten, Bewegung, Lesen, Selbstfürsorge

Problematisch wird es, wenn ein Bereich die Summe der beiden anderen übersteigt. Wenn etwa 70 oder 80 Prozent unseres Selbstwertes an der beruflichen Tätigkeit hängen.

Müller erinnert an die Finanzkrise 2008. Mitarbeiter:innen einer Großbank hatten 20 Minuten, um ihren Arbeitsplatz zu räumen. In Japan löste die Krise 21.000 Suizide aus. Was passiert, wenn unser dominanter Selbstwertbereich plötzlich wegbricht?

Mögliche Reaktionen:

  • Neurose zulegen – zum Beispiel: exzessives Einkaufen, Selbstbelohnung.
  • Flucht in die Sucht – die Krankheit der Unfreiheit. Müller erwähnt unter anderem Benzodiazepine, angstlösende Medikamente mit Abhängigkeitspotential, welche leichtfertig eingenommen werden. Diese Medikamente lösen nicht nur Angst, sie löschen auch moralische Grenzen. Viele große Wirtschaftsdelikte geschehen beispielsweise unter ihrem Einfluss.
  • Verhaltensänderung – Realitätsverdrehung, destruktiver Narzissmus. Ein Quäntchen Narzissmus ist gesund. Maligner Narzissmus jedoch macht Menschen zerstörerisch: „Wenn es mir schlecht geht, soll es anderen noch schlechter gehen.“

Antizipation – das Voraussehen

Hilfreich im Alltag ist die Antizipation. Vorausschauendes Denken. „Was passiert, wenn …?“ Diese Fähigkeit sollte man Kindern beibringen. Beim Spaziergang sagen: „Wenn dir etwas auffällt, wo etwas passieren könnte, sag es mir.“ So schärft man Wahrnehmung und Verantwortungsgefühl.

4. Säule: Offene, ehrliche, zeitnahe und faire Kommunikation

Kommunikation gibt es in verschiedenen Formen:

  • Digitale Kommunikation – schnell, unpersönlich, wichtig, aber nicht ausreichend.
  • Persönliche Kommunikation – langsam, wertschätzend, verbindend.
  • Nonverbale Kommunikation – Körpersprache ist mächtig.

Der Tod der nonverbalen Kommunikation ist das Handy. Es gibt nur zwei Sekunden Gegenwart. Wenn Sie mit jemandem an einem Tisch sitzen, vielleicht bei einem Date mit Ihrem zukünftigen Lieblingsmenschen, dann legen Sie das Handy weg. Nehmen Sie es am besten gar nicht erst mit, lautet Müller‘s Rat.

Die Vase auf dem Tisch

Zum Schluss stellt Müller symbolisch noch eine Vase auf den Tisch der Resilienz. In ihr stecken drei Blumen:

  • Gelassenheit
  • Über sich selbst lachen
  • Humor

Das Leben prüft uns nicht, um uns zu brechen, sondern um uns zu zeigen, wer wir sein können. Wir entscheiden, ob wir in der Dunkelheit verharren oder ob wir beginnen, selbst ein Licht zu entzünden.

Mitternacht ist die finsterste Stunde des Tages –
doch irgendwo am Horizont entsteht bereits der erste Schimmer eines neuen Morgens.

Autor:

Dr. Johanna Sohm

Ansprechpersonen:

Ilona Wenzl

Weiterführende Links:

Dr. Johanna Sohm

NÖ-Landesausstellung 2026

Projekte zum Beitrag:

Impulse für Kopf & Herz

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